Zeit, ISO, Blende und Blende

In Foren findet man zuhauf Einträge, die sich auf folgende zwei Frage reduzieren lassen (EOS 450d steht stellvertretend für Einsteiger-Spiegelreflex-Kamera):

  • Ich besitze seit einem halben Jahr eine EOS 450d. Warum werden meine Bilder so dunkel/hell?
  • Ich fotografiere seit einem Jahr mit einer Spiegelreflex (EOS 450d). Warum fehlt meinen Bildern das gewisse Etwas?

Die Antwort muss meist lauten: „Nutze die manuellen Einstellmöglichkeiten deiner Kamera. Sonst wird das nichts.“ Oft wird aber zu Einstellungen, wie Vivid, Belichtungskorrektur:+1 oder gleich zu einer anderen Kamera geraten. Solange man jedoch dem „P-Modus“ treu bleibt, überlässt man die Kreativarbeit aber weiterhin einem Roboter. Wie toll kann das schon sein?

Der Weg zu guten Bildern kann nur über manuelle Einstellungen von Blende, Zeit und ISO gehen. Alles andere kommt dem berühmten Tropfen auf den heißen Stein gleich. Um das zu tun, muss man den grundsätzlichen Zusammenhang dieser drei Bausteine verstehen. Zuerst aber kümmern wir uns um die Bedeutung der Begriffe.

Begriffe

Blende (als Einheit)

Der Begriff Blende ist mehrfach besetzt. Als Einheit gibt er stets eine Differenz an. Man kann sich damit auf ISO, Zeit und die physische Blende beziehen. Was das genau bedeutet, zeigt sich im Folgenden.

Belichtungszeit:

Ist von Belichtungszeit (oder Zeit) die Rede, ist die Zeitspanne gemeint, während deren Licht auf den Sensor fällt und eine Aufnahme gemacht wird.
„Eine Blende mehr“ bedeutet hier, dass die Belichtungszeit verdoppelt wird, „eine Blende weniger“, dass sie halbiert wird. Daraus folgt dann, dass 2 Blenden mehr/weniger eine Änderung um den Faktor 4 bewirken. 10 Blenden bedeuten übrigens schon 1024 mal länger bzw. kürzer belichten (10 mal verdoppeln/halbieren).

Blende (physisch)

Die physische Blende gibt das Verhältnis von Brennweite zu Öffnungsquerschnitt an. Je kleiner die Blendenzahl, desto geringer die Tiefenschärfe – dieser Zusammenhang ist den meisten bekannt. Um Verwechslungen auszuschließen, wird diese Blende von mir immer als f/… angegeben. Da es sich bei der Blendenzahl eigentlich nur um den Nenner des Verhältnisses handelt.
Die Stufen sind definiert und deshalb in allen digitalen Systemen eindeutig. Grundsätzlich gibt es „ganz Blendenstufen“. Die folgenden sind die, für den Fotografen relevanten:
f/1,0 – f/1,4 – f/2 – f/2,8 – f/4 – f/5,6 – f/8 – f/11 – f/16 – f/22
Zwischen den Nachbarn dieser Liste liegt jeweils eine Blende (als Einheit). Die Bedeutung dessen, ergibt sich noch. Praktisch alle modernen Spiegelreflexkameras arbeiten übrigens mit 1/3-Blenden. Das heißt, dass es jeweils zwischen 2 Nachbarn noch 2 Zwischenstufen gibt. Die Reihe sieht dann wie folgt aus:
f/1,0 – f/1,1 – f/1,2 – f/1,4 – f/1,6 – f/1,8 – f/2 – f2,2 – f/2,5 – f/2,8 – f/3,2 – f/3,6 – f/4 – f/4,5 – f/5,0 – f/5,6 f/6,3 – f/7,1 – f/8 – f/9 – f/10 – f/11 – f/13 -f/14 – f/16 – f/18 -f/20 – f/22
Zwischen Nachbarn liegt nun jeweils 1/3 Blendeneinheit. Zum Vor-Vor-Vorgänger bzw. Nach-Nach-Nachfolger ist es jeweils eine Blendeneinheit. Da es sich dabei um gerundete Werte handelt, wird z.B. f/3.6 auch mal als f/3.5 angegeben.

ISO:

Mit ISO ist die Empfindlichkeit des Sensors gemeint. Ist dieser Wert hoch, ist die Empfindlichkeit hoch und anders herum. Die fotografisch wichtigen Werte sind:
(50,) 100, 200, 400, 800, (1600)
Diese Wert können an praktisch jeder Spiegelreflexkamera eingestellt werden. Eine Verdopplung/Halbierung des Wertes bedeutet übrigens eine Änderung um eine Blendeneinheit. Dass hohe ISO-Werte (1600, 3600, …) sich negativ auf die Bildqualität auswirken, ist wahrscheinlich bekannt.

Praktischer Zusammenhang

Digitale Spiegelreflexkameras besitzen 3 sinnvolle Modi. Das sind Blendenautomatik (S, T, Tv), Zeitautomatik (A, Av) und Manuell (M). Diese werden jeweils auf Basis des kamerainternen Belichtungsmessers verwendet. Wie das funktioniert wird kurz erklärt.

Blendenautomatik (S, T, Tv)

Dieser Modus macht dann Sinn, wenn ich eine bestimmte Belichtungszeit erzwingen will. Die gewünschte Zeitspanne wird an der Kamera eingestellt und aus eingestellter ISO-Zahl und der Belichtungsmessung bestimmt die Kamera dann die richtige physische Blende. Das funktioniert so lange, bis die nötige Blende nicht mehr vom Objektiv erreicht werden kann. Um trotzdem mit der gewünschten Zeit ein korrekt belichtetes Foto zu erhalten, muss die Empfindlichkeit (ISO) verstellt werden. In diesem Modus gibt es die Möglichkeit der Belichtungskorrektur. Ein hier eingestellter Wert wirkt sich auf die von der Kamera gewählte Blende aus. Wird bspw. -0.3 als Korrektur angegeben, bestimmt die Kamera die korrekte physische Blende auf Basis der Belichtungsmessung, benutzt aber die um 1/3 Blendeneinheit weiter rechts liegende physische Blende. Wäre die Korrekte Blende f/4.5, würde f/5.0 verwendet werden. Das Bild wird „dunkler“ und zwar um 1/3 Blendeneinheit.

Zeitautomatik (A, Av)

Dieser Modus macht dann Sinn, wenn ich eine bestimmte Blende erzwingen will. Die gewünschte physische Blende wird an der Kamera eingestellt und aus eingestellter ISO-Zahl und der Belichtungsmessung bestimmt die Kamera dann die richtige Belichtungszeit. Leider kann eine Kamera weder unbegrenzt kurz noch unbegrenzt lange belichten. Zudem kommt mit längeren Belichtungszeiten auch mehr Unschärfe ins Foto. Mit höheren/geringeren ISO-Werten lässt sich aber Einfluss auf die Zeit nehmen. Wird der ISO-Wert verdoppelt halbiert sich bspw. die nötige Zeit. Auch in diesem Modus gibt es die Möglichkeit der Belichtungskorrektur. Ein hier eingestellter Wert wirkt sich auf die von der Kamera gewählte Zeit aus. Wird bspw. -1 als Korrektur angegeben, bestimmt die Kamera die korrekte Belichtungszeit auf Basis der Belichtungsmessung, benutzt aber die um eine Blendeneinheit kürzere Belichtungszeit (also die Hälfte). Wäre die Korrekte Zeit 1/25 Sekunde, würde 1/50 Sekunde verwendet werden. Das Bild wird „dunkler“ und zwar um 1 Blendeneinheit.

Manuell (M)

Auch wenn man diesen Modus anfänglich für zu kompliziert halten möge, ist man hier meist am besten aufgehoben. Es wird die physische Blende und die Belichtungszeit eingestellt und die Belichtungsmessung sagt einem (auf Basis des ISO-Wertes) was sie davon hält. Habe ich etwas f/5.0, 1/50 Sekunden und ISO 200 gewählt und die Belichtungsmessung sagt -2.0, dann heißt das, dass ich 2 Blendeneinheiten unterbelichtet habe. Will ich es dem Belichtungsmesser Recht machen, habe ich mehrere Möglichkeiten. Ich könnte die Empfindlichkeit zwei mal verdoppeln (-> ISO 800), Eine 2 Blenden weiter links liegende Blende nutzen (-> f/2.5) oder die Belichtungszeit zwei mal verdoppeln (-> 1/13 Sekunden). Eine Kombination aus zwei oder drei Veränderungen ist ebenfalls möglich (bspw. ISO 200, f/3.6 und 1/25 Sekunde).
Spiegelreflex-Kameras machen diese Einstellarbeit wirklich einfach. Zeit und physische Blende lassen sich mit jeder Schritt um 1/3 Blendeneinheit verändern (es mag Ausnahmen geben). Drehe ich am Einstellrad für die Zeit erhalte ich nacheinander Zeiten, die jeweils die 1/3 Blende auseinander liegen … 1/10, 1/13, 1/15, 1/20, 1/25, 1/30, 1/40, 1/50 … Sekunden. Für den Blendenregler gilt das gleiche. Die Reihenfolge wurde bei der Begriffsklärung aufgeführt.
Vorteil dieses Modus ist, dass ich Zeit und Blende dem Motiv entsprechend wähle. Nichts wird mir aufgezwungen.

Was bringt’s ???

Der manuelle Modus birgt unglaubliches Potenzial. Zwei Beispiele:

Handball – in der Halle, gleichmäßige Beleuchtung.
Ich stelle eine kurze Belichtungszeit um 1/125 Sekunden und eine Empfindlichkeit von ISO 800 ein. Nun suche ich mir eine physische Blende, welche die Spieler richtig belichtet. Mit diesen 3 fixen Werten kann ich jetzt fotografieren und muss mich nur noch aufs Fokussieren konzentrieren. Die Belichtung wird stimmen. In allen anderen Modi besteht die sehr realistische Gefahr, dass die Belichtungsmessung den hellen Hallenboden oder die dunkle Werbebande als Basis nimmt und die Spieler nicht korrekt belichtet werden.

Portrait im Freien mit Blitz
Der sonnige Hintergrund soll korrekt belichtet werden, die porträtierte Person im Schatten aber auch. Ich stelle also die Kamera auf die Blende, welche ich für das Portrait verwenden will und passe die Zeit so an, dass der Hintergrund korrekt belichtet ist. Mit dem ISO-Wert kann ich diese Zeit so klein halten, dass ich keine Bewegungsunschärfe ins Foto bekomme. Nun kann ich es getrost dem Blitz überlassen, die Person so zu belichten, dass auch diese richtig in Szene gesetzt wird. In allen anderen Modi hätte ich eine wahre Belichtungskorrektur-Orgie vor mir … und zwar an Blitz und Kamera.

Gruß Florian

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~ von flo1981 - November 16, 2009.

2 Antworten to “Zeit, ISO, Blende und Blende”

  1. eine gute Zusammenfassung die du da hast! Wobei ich immer, wenn ich das ganze lese, Bahnhof (naja, das ist jetzt schon leicht übertrieben) verstehe…zumindest solange ich die Kamera nicht in der Hand habe und es selbst versuche….
    Du hast recht aus dem M-Modus, kann man enorm viel rausholen! Unglaublich, wie anders man da Bilder oft zum Wirken bringt, als in meinem von mir bevorzugten Modus AV…immer öfter greife ich auf M zurück!
    Wobei ich gerade bei der Kinderfotografie da meine Probleme habe, weil die Einstellung da ja viel schneller von der Hand gehen muß….hast du vielleicht einen Tipp dazu?
    Aber vielleicht muß ich mir auch da erst auf den richtigen „Trick“ kommen um viele hin und her Einstellungen zu vermeiden!

    LG
    Andrea

  2. Ich kenne Kinder eigentlich nur vom Hörensagen. Da die sich wahrscheinlich viel Bewegen, ist es wichtig, die Belichtungszeit kurz zu halten. Dazu würde ich in Innenräumen generell blitzen (Modus A, ISO 100, Blende f/5.6 o.ä.) und bei besseren Lichtverhältnissen, bspw. im Freien, ISO 200 und dazu im Modus S eine Zeit von 1/100 Sekunde oder kürzer. Sollte das wegen zu wenig Licht nicht gehen: ISO 400. Wenn jedoch geringe Tiefenschärfe gewünscht ist, auch hier im Modus A eine kleine Blende wählen und über ISO die Belichtungszeit in die richtige Bahn lenken.

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